Auf dem Weg zum autarken Wohnen.

Ein ungewöhnlicher Anblick für eine klassische Neubausiedlung mit ihren Satteldach-Häusern und bunten WDVS-Fassaden: Das zweigeschossige Wohnhaus besticht nicht nur durch seine klare quaderförmige Kubatur, die aufgeräumte Fassade und eine äußere Hülle aus rotbraunen Klinkern, sondern erzeugt seine benötigte Energie auch selbst – und zwar mehr, als es verbrauchen kann.

Smarte Haustechnik regelt und kontrolliert den Energieverbrauch des Gebäudes im Sommer wie im Winter. Dieser harmonische Dreiklang aus Architektur, Haustechnik und Energieeffizienz findet seine Entsprechung auch in der Konstruktion, denn die Außenwände sind dreischichtig aufgebaut: ein tragendes Mauerwerk aus Kalksandstein innen, ein regionaltypischer Klinker außen, dazwischen eine leistungsfähige Dämmung.

Zur Straßenseite präsentiert sich das Gebäude eher geschlossen.

Zum Garten öffnet es sich mit großen Fenstern in die Natur.

Osnabrück macht’s vor.

Wie kann man der Öffentlichkeit zeigen, welche zukunftsweisenden Konzepte im Bau von Einfamilienhäusern schon heute möglich sind? Und wie kann man potenziellen Bauherren die Vorteile eines energieeffizienten Hauses und moderner Haustechnik näher bringen? Diese Fragen stellt sich die Stadt Osnabrück, der eine nachhaltige Entwicklung ihrer Wohnquartiere am Herzen liegt, schon seit einigen Jahren. 2014 entstand die Idee, ein vorbildliches Wohnhaus in zeitgenössischer Architektursprache, ausgestattet mit neuester Technik, von einem erfahrenen Architekturbüro planen und umsetzen zu lassen. Die Stadt erwarb daraufhin ein Grundstück im innenstadtnahen Stadtteil Gartlage, bot es dem ortsansässigen Bauträger planen + bauen vsb wohnbau zum Kauf an, knüpfte an die Bebauung aber eine Bedingung: Nach der Fertigstellung sollte das Haus ein Jahr lang der Öffentlichkeit zugänglich sein, um Interessierte im Rahmen von Führungen und Vorträgen auf die Möglichkeiten des heutigen Bauens aufmerksam zu machen. Anschließend könne das Haus bewohnt werden.

Dei Wände bestehen aus massivem Kalksandstein, einer 20 cm dicken Dämmung und einem regionaltypischen Klinker.

Das Projekt wurde ausgezeichnet für „energieeffizientes Sanieren und Bauen“.

Günstiges Verhältnis von Außenfläche und Volumen.

Das mit dem Entwurf beauftragte Büro zech architekten folgt bei seiner Arbeit einer klaren Logik: Zunächst wird der Ort, an dem das Haus entstehen soll, genau analysiert und dessen Besonderheiten charakterisiert. Diese baulichen Vorgaben und Merkmale sind für die Architekten entwurfsbestimmend. Aus diesem Grund planten sie für das Grundstück einen langen, schmalen Körper, der sich zur Straßenseite mit wenigen Fenstern eher geschlossen präsentiert. Zur Gartenseite schafft der Bau viel Raum für Privatsphäre und öffnet sich mit großen Fenstern in die Natur. Die Entscheidung der Planer für einen einfachen Riegel als Gebäudeform hat übrigens auch energetische Vorteile, denn so entsteht ein günstiges Verhältnis von Außenfläche und Volumen.

Im Inneren setzt sich die räumliche Strukturierung aus öffentlichen und privaten Bereichen fort. Im Erdgeschoss betritt man zunächst eine kleine Diele, von der aus man eine Abstellkammer, das Gäste-WC oder den Technikraum erreicht. An den Eingang schließt sich der Wohnbereich an: Ein großer Esstisch dient als zentraler Treffpunkt und Kommunikationsort für Bewohner und Gäste. Anschließend können die Gespräche im eigentlichen Wohnraum fortgeführt werden. Dieser wird durch einen Wandvorsprung vom Koch- und Essbereich getrennt und erstreckt sich über zwei Geschosse. Im oberen Stockwerk liegen die Rückzugsräume der Bewohner, eine offene Galerie verbindet die Etage räumlich mit dem Wohnraum im Erdgeschoss.

Der Wohnbereich wird durch einen Wandvorsprung vom Kochbereich getrennt.

Im ersten Stock befinden sich die Rückzugsräume der Bewohner, eine offene Galerie verbindet die Etage mit dem Erdgeschoss.

Neben dem Wunsch, Räume zu kreieren, spielen für zech Architekten auch die Materialwahl und die Oberflächengestaltung eine tragende Rolle. Deshalb wurden sämtliche Wände des Gebäudes in Kalksandstein-Bauweise ausgeführt. Bei dieser Konstruktion besteht eine funktionale Trennung der einzelnen Bauteilschichten: Die 17,5 cm starke Innenschale aus KS* Plansteinen (Rohdichteklasse 1,8) ist massiv und nicht brennbar. Sie schützt gegen Lärm, speichert Wärme und gleicht die Raumfeuchte aus. Auf diese Schale wird eine 20 cm dicke Dämmung aufgebracht. So bleibt im Sommer die Hitze draußen und im Winter die Wärme drinnen. Die Außenschale bildet ein für die Region typischer Klinker, der problemlos von der hoch belastbaren Innenschale getragen wird. Auch die Innenwände sind aus Kalksandstein gemauert – raumsparend mit nur 11,5 cm Dicke (Rohdichteklasse 1,4). Abgerundet wird die Architektur von einem ausgereiften Energiekonzept in Kombination mit smarter Haustechnik. Die kompakte Gebäudeform mit ihrem günstigen A/V-Verhältnis und die Dämmung der Wände tragen zu einem niedrigen Energieverbrauch bei. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach erzeugt Strom, der im Haus genutzt oder in einem Akku gespeichert werden kann. Beheizt wird das Gebäude über eine hochmoderne Luft-Wasser-Wärmepumpe.

Beheizt wird das Gebäude über eine hochmoderne Luft-Wasser-Wärmepumpe.

Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach erzeugt Strom, der sofort genutzt oder in einem großen Akku gespeichert werden kann.

Über zech architekten. 

Dr.-Ing. Stephan Zech gründete 2015 mit Architekt Rolf Benitz und Diplom-Kaufmann Wolfgang Voges das Büro zech architekten in Osnabrück. Über die Philosophie seines Unternehmens sagt er: „Wir glauben, dass es in der Architektur immer darum geht, Räume zu erzeugen. Das tun wir, indem wir Körper wie Boden, Decke und Wände in eine räumliche Komposition bringen. Aber auch durch die Anordnung des Baukörpers selbst als Element der Stadt entstehen Räume. Wir glauben außerdem, dass diese Baukörper besondere Eigenschaften haben, die sich in Form, Material und Oberfläche widerspiegeln. Das Schaffen von Räumen durch die Anordnung und die Eigenschaften von Körpern ist für uns grundlegend. Wir folgen keiner Mode, sondern dieser Philosophie, die an unterschiedlichen Orten ganz unterschiedliche Häuser hervorbringen kann. Jedes Haus ist auf seinen Ort zugeschnitten und damit ein Unikat.“

Nach seinem Studium in Münster arbeitete Stephan Zech für internationale Architekturbüros. Er war Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für städtebaulichen Entwurf an der HafenCity Universität Hamburg. Zudem war er Mitglied im Graduiertenkolleg „Kunst und Technik“ an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Es folgten zahlreiche Lehraufträge im Bereich Entwerfen und Städtebau. Zech promovierte darüber hinaus zum Doktor der Ingenieurwissenschaft.

Zu den Projekten von zech architekten gehören vor allem Ein- und Mehrfamilienhäuser sowie Bürobauten. Gemeinsam mit den Bauherren entwickeln und realisieren die Planer individuelle und nachhaltige Lösungen, die immer in Bezug zum jeweiligen Bauort und zur Region stehen. Dabei spielen auch moderne (energie-)technische Lösungen eine tragende Rolle, die als Teil der gestalterischen Arbeit verstanden werden.

Lage
Osnabrück
Architektur/Bauplanung
zech architekten, Osnabrück
Bauherr
Stadt Osnabrück
Jahres-Primärenergiebedarf
11kWh/m²
Bauträger
planen + bauen vsb wohnbau GmbH, Osnabrück
Grundfläche
184m²
Fertigstellung
Juni 2017

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